Juni 26, 2026

National Defense Authorization Act 2027 (FY2027 NDAA): Aktueller Stand des Gesetzgebungsverfahrens und Auswirkungen auf Verteidigungsaufträge in Europa

Der National Defense Authorization Act für das Haushaltsjahr 2027 (FY2027 NDAA) hat die Beratungen in den Verteidigungsausschüssen des Repräsentantenhauses und des Senats durchlaufen und gibt bereits jetzt einen ersten Einblick in die Prioritäten des US-Kongresses hinsichtlich militärischer Infrastrukturmaßnahmen, Reformen des öffentlichen Beschaffungswesens sowie weiterer Investitionen in die militärische Präsenz der Vereinigten Staaten in Europa.

Aktueller Stand des Gesetzgebungsverfahrens

Der Verteidigungsausschuss des Repräsentantenhauses (House Armed Services Committee) hat den Gesetzentwurf H.R. 8800 Anfang Juni nach Abschluss der Ausschussberatungen mit 44 zu 12 Stimmen verabschiedet. Kurz darauf billigte auch der Verteidigungsausschuss des Senats (Senate Armed Services Committee) den entsprechenden Senatsentwurf, S. 4784, mit 18 zu 9 Stimmen.

Beide Gesetzentwürfe stehen nun zur Beratung und Abstimmung im Plenum des Repräsentantenhauses bzw. des Senats an. Nach ihrer Verabschiedung werden sie in einem Vermittlungsverfahren (Conference Committee) zusammengeführt, in dem die Unterschiede zwischen beiden Fassungen bereinigt werden, bevor der endgültige Gesetzentwurf dem Präsidenten zur Unterzeichnung vorgelegt wird.

Historisches Verteidigungsbudget

Sowohl der Gesetzentwurf des Repräsentantenhauses als auch derjenige des Senats sehen Verteidigungsausgaben in Höhe von rund 1,15 Billionen US-Dollar für das Haushaltsjahr 2027 (Oktober 2026 bis September 2027) vor. Damit würde der höchste Verteidigungshaushalt erreicht, der jemals im Rahmen eines NDAA autorisiert wurde.

Nicht enthalten ist der von der US-Regierung zusätzlich vorgeschlagene Verteidigungshaushalt in Höhe von 350 Milliarden US-Dollar, der im Rahmen eines gesonderten Gesetzgebungsverfahrens verabschiedet werden soll. Sollte auch dieser verabschiedet werden, würden sich die insgesamt angestrebten Verteidigungsausgaben auf nahezu 1,5 Billionen US-Dollar belaufen.

Verglichen mit dem FY2026 NDAA, der Verteidigungsausgaben von rund 1,14 Billionen US-Dollar autorisierte, entspricht der FY2027 NDAA lediglich einer moderaten Erhöhung von etwa 1 Prozent im regulären Verteidigungshaushalt. Die in den Medien häufig genannte deutlich höhere Steigerung ergibt sich ausschließlich aus der Einbeziehung des gesonderten Finanzierungsvorschlags der Regierung und nicht aus dem FY2027 NDAA selbst.

Europa bleibt strategischer Schwerpunkt

Während sich die öffentliche Diskussion über den FY2027 NDAA überwiegend auf den indo-pazifischen Raum und neue Technologien konzentriert, bekräftigen sowohl der Gesetzentwurf des Repräsentantenhauses als auch jener des Senats das langfristige militärische Engagement der Vereinigten Staaten in Europa.

Der Gesetzentwurf des Repräsentantenhauses legt den Schwerpunkt vor allem auf eine verstärkte parlamentarische Kontrolle der US-Streitkräfte in Europa. Hierzu gehören insbesondere zusätzliche Berichtspflichten hinsichtlich möglicher Truppenreduzierungen sowie die weitere Überwachung der Lastenteilung innerhalb der NATO.

Der Gesetzentwurf des Senats geht deutlich darüber hinaus. Zu den wichtigsten Europa-bezogenen Regelungen zählen:

  • Verlängerung der Ukraine Security Assistance Initiative (USAI) bis 2029 bei gleichzeitiger Erhöhung der autorisierten Mittel auf 750 Millionen US-Dollar;
  • Einschränkungen für einen Abbau der US-Militärpräsenz in Europa ohne vorherige Zertifizierungen und unabhängige militärische Risikoanalysen;
  • Verbot des Abzugs der Army Prepositioned Stocks (APS) aus Europa;
  • Fortführung der nachrichtendienstlichen Unterstützung der Ukraine;
  • Einrichtung einer U.S.-Ukraine Strategic Defense Innovation Working Group mit Schwerpunkt auf Verteidigungstechnologien, insbesondere unbemannten Systemen; sowie
  • Förderung einer vertieften deutsch-amerikanischen Zusammenarbeit bei der gemeinsamen Entwicklung und Produktion von Luftverteidigungs- und Luft-Luft-Lenkwaffen.

Diese Regelungen verdeutlichen die Auffassung des US-Kongresses, dass Europa auch langfristig ein zentraler Schwerpunkt amerikanischer Verteidigungsinvestitionen bleiben wird.

Europäische Infrastruktur und Vergabemöglichkeiten

Bemerkenswert ist, dass weder der Gesetzentwurf des Repräsentantenhauses noch derjenige des Senats die Einführung eines eigenständigen europäischen Infrastrukturprogramms nach dem Vorbild der Pacific Deterrence Initiative vorsieht. Vielmehr sollen Investitionen in militärische Infrastruktur weiterhin über die traditionellen Programme Military Construction (MILCON) sowie Operation and Maintenance (O&M) erfolgen.

Schedule C-1 (Military Construction)

Die für das Haushaltsjahr 2027 vorgesehenen Maßnahmen im Bereich Military Construction (MILCON) konzentrieren sich weiterhin auf die Modernisierung bestehender US-amerikanischer und NATO-Liegenschaften in Europa und weniger auf die Errichtung neuer Standorte.

Zu den derzeitigen Schwerpunkten gehören insbesondere:

  • Modernisierung bestehender Einrichtungen in Deutschland, darunter die Luftwaffenstützpunkte Ramstein und Spangdahlem, die Standorte Wiesbaden, Grafenwöhr, Baumholder sowie die Kaiserslautern Military Community;
  • weiterer Ausbau der Logistik- und Army Prepositioned Stock (APS)-Infrastruktur in Polen;
  • Ausbau logistischer Einrichtungen und Modernisierung von Flugplätzen zur Unterstützung von Operationen im Schwarzmeerraum in Rumänien; sowie
  • Fortführung von Modernisierungsmaßnahmen in Italien, dem Vereinigten Königreich, Belgien und Spanien.

Zu den wichtigsten zu erwartenden Bauprojekten zählen:

  • Flugzeugwartungshangars;
  • Munitionslager;
  • Logistiklager;
  • Führungs- und Kommandoeinrichtungen;
  • Kasernen und Maßnahmen zur Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen der Soldaten;
  • Treibstofflager; sowie
  • Modernisierung militärischer Flugplätze.

Diese Projekte dürften künftig Ausschreibungen insbesondere durch den U.S. Army Corps of Engineers, Europe District (Wiesbaden), NAVFAC EURAFCENT (Neapel) sowie das Air Force Civil Engineer Center (Joint Base San Antonio-Lackland, Texas) nach sich ziehen.

Schedule O-1 (Operation and Maintenance)

Die im Rahmen von Operation and Maintenance (O&M) vorgesehenen Mittel unterstützen weiterhin eine Vielzahl regelmäßig wiederkehrender Dienstleistungsverträge an US-Militärstandorten in Europa.

Im Mittelpunkt stehen dabei insbesondere:

  • Betrieb militärischer Liegenschaften;
  • Gebäudeunterhaltung und Instandhaltung;
  • Depotinstandsetzung;
  • Umweltschutzmaßnahmen;
  • Logistik- und Transportdienstleistungen;
  • Energieversorgung und Versorgungsmanagement;
  • Kommunikationsinfrastruktur; sowie
  • Sicherheitsdienstleistungen.

Für Unternehmen, die bereits auf dem europäischen Markt tätig sind, dürften die O&M-Mittel kurzfristig größere Vergabemöglichkeiten eröffnen als die MILCON-Programme, da sie überwiegend laufende Dienstleistungsverträge an bestehenden Militärstandorten finanzieren.

Ausblick

Nach dem derzeitigen Stand besteht im US-Kongress parteiübergreifend breite Unterstützung für die Fortführung von Investitionen in die militärische Präsenz der Vereinigten Staaten in Europa. Während sich hinsichtlich einzelner europäischer Military-Construction-Projekte bislang nur wenige Unterschiede zwischen den Fassungen des Repräsentantenhauses und des Senats abzeichnen, verfolgt der Senat einen deutlich weitergehenden politischen Ansatz zur langfristigen Sicherung der US-Militärpräsenz in Europa sowie zur Vertiefung der verteidigungspolitischen Zusammenarbeit mit den NATO-Verbündeten und der Ukraine.

Für Unternehmen, die sich um Aufträge der US-Bundesregierung bewerben möchten, deutet der FY2027 NDAA darauf hin, dass die Modernisierung bestehender militärischer Infrastruktur auch im Haushaltsjahr 2027 den Schwerpunkt der künftigen Investitionen bilden wird. Der konkrete Umfang der späteren Vergabemöglichkeiten wird letztlich vom endgültigen Gesetzesbeschluss des Kongresses sowie von den für die autorisierten Projekte bereitgestellten Haushaltsmitteln abhängen.